Rippers

Megan McDonald

Megan

Ich wurde am 19. September 1870 in die Familie eines Glasgower Tuchfabrikanen geboren, ich war das vierte und jüngste Kind, wobei Finn, mein Zwillingsbruder, nur 4 Minuten Vorsprung hatte. Außerdem gibt es dann noch unsere Schwester Martha, das „mittlere Kind“, und Angus jun., unseren ältesten Bruder.

Unser Vater, Angus McDonald war Besitzer einer Großweberei und baute diese zur Tuchmanufaktur aus. Unsere Mutter, Eliza McDonald, geb. Grant, entstammte einer Familie in deren Besitz sich eine der angesehensten und größten Destillen von ganz Schottland befindet. Beide sind heute tot, die Umstände ihres Ablebens waren höchst mysteriös und haben dazu geführt, dass Finn und ich zu Rippern wurden. Doch dies ist eine längere Geschichte.

Wir wuchsen recht behütet auf, bis zu unserem 12. Lebensjahr hatten wir Privatunterricht zusammen mit unserer Schwester Martha, sie ist 5 Jahre älter als wir. Als sie 17 war verliebte sie sich auf ihrem ersten Ball in einen Leutnant der englischen Armee. Und dieser sich auch in sie. Da unser Vater es allerdings nicht dulden konnte, dass Martha einen „elenden Rotrock“ heiratet, untersagte er ihr diese Verbindung. Kurz darauf brannte Martha mit ihrem Lionel durch. Dem Privatlehrer wurde gekündigt. Vater wurde damals sehr verschlossen und Mutter zog sich in ihre eigene kleine Welt aus Stickarbeiten und Wohltätigkeitsveranstaltungen zurück. Auf Finn und mich wurde irgendwie vergessen.

Angus jun., er ist 9 Jahre älter als wir, war zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet und arbeitete Seite an Seite mit unserem Vater zusammen. Schließlich war es seine Pflicht die Manufaktur irgendwann weiter zu führen. Helen, unsere Schwägerin, war eine vorbildliche Schwiegertochter. Und so fiel es einige Zeit nicht auf, dass Finn und ich ohne Aufsicht waren und nur Flausen im Kopf hatten. Ganz zum Missfallen unserer lieben Mutter, konnte ich mit Puppen und dem ganzen anderen Mädchenkram noch nie wirklich viel anfangen. Ich tobte viel lieber mit Finn und den gleichaltrigen Jungs unserer Nachbarn durch den Garten und den nahe gelegenen Wald.

Eines Tages, es war ein schöner Februartag, passierte etwas, dass unsere Freiheit auf Jahre hin beendete.

Es gab zwischen unserem und dem Grundstück der McGrears einen kleinen See, dieser war ganz phantastisch zum Eislaufen im Winter und zum Schwimmen im Sommer. Es war wie schon gesagt Februar und der See war zugefroren. Marty McGrear und Finn gerieten beim Eislaufen über irgendeine Kleinigkeit so dermaßen in Streit, dass sie jegliche Vorsicht vergaßen und zum Raufen begannen. Um es kurz zu machen, Marty brach an einer dünnen Stelle ins Eis ein und wäre beinahe ertrunken. Finn holte sich bei Martys Rettung eine Lungenentzündung.

Finn und ich waren quasi von einem Tag auf den Anderen aufgeflogen. Als mein Bruder wieder gesund war, wurde beschlossen wir bräuchten dringend etwas Disziplin. Und so steckten unsere Eltern Finn in eine Militärakademie, und mich nach „St. Agnes Schule für höhere Töchter“ nach Edinburgh.

Zum Ersten Mal in unserem Leben waren Finn und ich von einander getrennt. Es war uns beide sehr hart. Er mochte den Drill in der Akademie nicht, und ich hasste es abgrundtief, dass sich die altjüngferlichen Erzieherinnen und die strengen Professoren in den Kopf gesetzt hatten mich zu einer adretten jungen Dame erziehen zu wollen.

Der einzige Lehrer, der nicht kurz vor dem Ableben stand und mich nicht versuchte zu ändern, war Prof. Jonas Fraser. Er war Ende 20, sehr modern und aufgeschlossen, außerdem war er wirklich nett und sah auch noch gut aus. Jedes Mädchen im Internat schwärmte für ihn. Prof. Fraser gab Geschichte und Geographie. Ihm ist es zu verdanken, dass ich am Ende meiner vier Jahre in „St. Agnes“ jedes Buch über ferne Länder, sowie die gesamte geschichtliche Abteilung der Schulbibliothek gelesen hatte. In den Ferien sahen Finn und ich uns zum Glück immer wieder. Leider waren diese stets viel zu kurz.

Bei Finn hatte sich herausgestellt, dass er ein unglaubliches technisches Talent besaß. Auf der Akademie ließen sie ihn an allen möglichen Maschinen herumschrauben. Er hatte sich mit Robert McConner, einem einfachen Soldaten der den Fuhrpark und alle technischen Bereiche der Akademie wartete, angefreundet. Dieser lehrte Finn alles was er über Dampfmaschinen, Mechanik und Alles was dazu gehört, wusste. Und Finn brachte es mir bei. Wir bastelten dauernd an etwas herum. Wenn wir nichts bauten zerlegten wir etwas, um herauszufinden wie es funktionierte. Anschließend bauten wir es wieder zusammen. Zumeist funktionierte es anschließend besser als zuvor.

Ich hatte ständig schmutzige Fingernägel, aufgeschrammte Fingerknöchel und von Öl verschmierte Haare. Bis auf Marty McGrear verschreckte das alle jungen Gentleman, welche kamen um mir den Hof zu machen. Doch Marty war ja quasi wie ein weiterer Bruder für mich und so gab ich ihm jedes Mal einen Korb. Ich hoffe, dass war nicht der Grund für Martys Entschluss Priester zu werden.

Vier Jahre, die uns vorkamen wie vierzig Jahre, waren vorbei und der schönste Sommer unseres Lebens lag vor uns. Wir genossen jeden einzelnen Tag, denn Finn musste am Ende des Sommers zur Armee, schließlich war er ja nun ein Offizier. Für mich war vorgesehen, endlich einen heiratswilligen Gentleman aus gutem Hause zu finden. Dass ich dies nicht wollte, interessierte meiner Mutter nicht im Mindesten.

Besagter Sommer, war der Sommer des Jahres 1886 und der August sollte unser aller Leben maßgeblich verändern.

Am 31. Juli erhielt unser Vater einen Brief von seinem Cousin, Aleister McDonald. Dieser ist der Sohn des Halbbruders unseres Vaters, dieser Familienzweig lebt auf der Isle of Skye. In dem Brief stand dass Onkel Noland im Sterben liege und seinen Bruder noch ein letztes Mal sehen möchte. Woraufhin unsere Eltern schnellstmöglich packen ließen und zu den Hebriden aufbrachen. - Sie kamen niemals dort an.

Am 15. August stand Aleister vor unserer Türe. Er kam um uns mitzuteilen, dass Onkel Noland fünf Tage zuvor verstorben ist, und um dessen letzten Willen zu erfüllen. Denn obwohl Onkel Noland sehr enttäuscht war, dass sein Halbbruder ihn nicht mehr besuchen kam, so wollte er dennoch, dass er seine Taschenuhr wieder zurück erhielt. Noland hatte sie unserem Vater gestohlen als sie beide noch Kinder waren, hatte dies aber Zeit seines Lebens immer bestritten. Nun da es Zeit war zu gehen, wollte er schuldenfrei sterben.

So bedauerlich der Tod von Onkel Noland auch war, das Verschwinden unserer Eltern traf uns definitiv härter. Finn und ich beschlossen der Sache auf den Grund zu gehen und reisten mit Aleister zurück, die Route die unsere Eltern genommen haben mussten.

Als wir in Fort William Station machten, um - wie in anderen Orten auch schon - bei den offiziellen Stellen nach zufragen ob unserer Eltern gesichtet wurden, fanden wir zum ersten Mal eine Spur.

Wenige Tage zuvor wurden im Delta des Lochy Leichenteile gefunden. Ein männlicher Torso, ein männliches Bein, eine männliche Hand, ein weiblicher Kopf - das Gesicht zerfetzt und ein weiblicher Unterleib. Durch die Beschreibung von Schmuckstücken und Kleidung wurden die beiden als unsere Eltern identifiziert.

Wie sich heraus stellte, kamen wir gerade noch rechtzeitig, denn am Nachmittag desselben Tages wollten sie die Überreste verbrenne und in einem anonymen Grab beisetzen. Ich bestand darauf die Überreste mit eigenen Augen zu sehen, obwohl der Kommandant der Gendamarie lange versuchte mir dies auszureden.

Die Körperteile waren schon sehr stark verwest, ich musste ein Übermaß an Selbstbeherrschung mobilisieren, um mir keine Blöße zu geben. Im Augenwinkel sah ich, dass auch Finn mit sich kämpfte, um sich nicht zu übergeben.

Irgendetwas hatte unsere Eltern in Stücke gerissen, etwas mit großen Zähnen und/oder sehr großen Krallen. Im Bericht des Pathologen stand etwas von Wolfbissen. Dies konnte ich einfach nicht glauben. Zum einen gibt es seit fast 100 Jahren keine frei lebenden Wölfe mehr in Großbritannien und zum anderen würde kein Tierbiss, gleich welcher bekannten Spezies den bläulichen Sabber an den Wundrändern erklären.

Zunächst überstellten wir die sterblichen Überreste unserer Eltern nach Glasgow, wo wir sie im Familiengrab beisetzten. Angus jun. übernahm die Manufaktur. Obwohl wir den Nachruf in allen schottischen und sogar englischen Zeitungen drucken ließen blieb Martha verschwunden. D.h. 2 Tage nach der Beerdigung kam ein Brief ins Haus geflattert. Sie schrieb es ginge ihr gut, sie hat vom Tod unserer Eltern in der Zeitung gelesen, aber da sie gerade mit ihrem 3. Kind kurz vor der Niederkunft stand, war es ihr nicht möglich zu reisen. Der Brief kam ohne Absenderadresse, sic wollte also offenbar nicht von uns gefunden werden.

Als schlussendlich alles abgewickelt war, was den Nachlass betraf, war der August auch schon wieder vorbei und Finn musste einrücken. Helen machte Anstalten Mutters Ziel zu erreichen, mich an den Mann zu bringen. Allein, ich kümmerte mich nicht darum. Zu meinem Glück wurde sie endlich schwanger und sie hatte andere Sorgen. So konnte ich mich meiner neuen Passion widmen, nämlich herauszufinden, was unsere Eltern getötet hatte. Ich las alle möglichen Bücher auf dem Gebiet der Biologie, Mythologie und regionaler Sagen & Legenden. Da die geographische Nähe des Lochy und Loch Lochy zum Glen Coe nicht von der Hand zu weisen war, vergrub ich mich sogar in der Clansgeschichte der McDonalds, nur um irgendeinen Hinweis auf die Ereignisse des August 1886 zu erhalten. Als die Familienbibliothek ausgereizt war, wandte ich mich an die städtische Bibliothek in Glasgow, dann Edinburgh und zuletzt reiste ich sogar nach London. Über einen alten Geschäftspartner unserer Firma gelang es mir eine Leseerlaubnis für die Bibliothek des British Museums zu erhalten.

Finn besuchte mich, wann immer er konnte, um mich bei meinen Nachforschungen zu unterstützen. Im Laufe von 3 Jahren trug ich einiges an Informationen zusammen, das Meiste davon entstammte mythologischen Quellen. Die Naturwissenschaften gaben diesbezüglich leider nicht viel her. Angus & Helen waren davon überzeugt, dass ich den Verstand verloren hätte. Einzig und allein ihrer Angst vor einem Skandal, hatte ich es zu verdanken, dass sie mich nicht in ein Sanatorium steckten. Angus richtete mir ein Treuhandkonto ein und eine kleine Wohnung in Edinburgh, so war ich weit genug weg um die heiligen Geschäfte der Familie nicht zu stören.

Nur Finn war auf meiner Seite, allerdings schaffte er irgendwie den Spagat zwischen unserer Mission und dem Ansehen unseres Bruders. Er quittierte den Militärdienst, inzwischen war er weiter technisch ausgebildet worden, und zog ebenfalls nach Edinburgh. Nachdem wir scheint’s alles gelesen haben, was in irgendeiner Form Hinweise auf die Kreaturen gab, welche unsere Eltern auf dem Gewissen hatten, beschlossen wir, uns wieder an den Ort des Geschehens zu begeben.

Wir reisten also nach Fort William, dem ehemaligen Fort Inverlochy, unter untersuchten die Seeufer von Loch Lochy und das Deltagebiet wo der Lochy in den See mündet. Tage und Wochen legten wir uns stundenlang und zu den unterschiedlichsten Tageszeiten auf die Lauer. Die Leute hielten uns für Vogelkundler, oder einfach nur für Spinner aus der Stadt, aber das war uns egal. Nach 3 Wochen hatte ich die erste Sichtung, da lebte etwas in diesem See, etwas das kein Fisch war und auch sonst nicht aussah, als würde es da hin gehören. Vielmehr sah es aus wie etwas das ich einem Paleonthologischen Buch abgebildet gesehen hatte.

Am Abend des Tages dieser Sichtung, sprach uns ein Mann mittleren Alters im Pub an. Er hinkte und sein Gesicht war stark vernarbt. Der erste Eindruck war eigenartig, dieser Mann, der sich als Marcus Granger vorstellte, wirkte gleichermaßen faszinierend wie Angst einflössend. Auf jeden Fall war es uns nicht möglich ihn einfach abzuwimmeln. Granger sagte er hätte einige Antworten zu unseren Fragen, Wenn wir Interessen hätten, sollten wir am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang beim Cromwell-Denkmal sein. Ebenso rasch wie er aufgetaucht war, war Granger auch schon wieder verschwunden.

Wir überlegten eine Weile hin & her, ich war es die darauf drängte das Risiko einzugehen. Ich hatte schon so viel Zeit in die Untersuchung zum Tod unserer Eltern gesteckt, ich griff nach jedem sich bietenden Strohhalm.

Was wir am nächsten Tag, und in den darauf folgenden Wochen erfuhren, ließ uns massiv an unserem Verstand zweifeln, und doch begann es langsam einen Sinn zu ergeben. Wir schlossen uns der Organisation der Ripper, so nannten sich die Leute rund um Marcus Granger, an. Zuerst wurden wir einer Art Grundausbildung unterzogen und dann systematisch zu kleineren Missionen herangezogen. Durch unser großes technisches Talent und den Erfindungsreichtum, der uns offenbar beiden in die Wiege gelegt wurde, stiegen wir rasch zu gefragten Ingenieuren der „Holy Rood Lodge“ auf. Wir hatten eine recht hohe Erfolgsquote und waren ein phantastisches Team.

Vergangenes Jahr, am 19. September 1891, fiel mein Bruder im Kampf gegen das Cabal. Wir hatten unseren 21. Geburtstag gefeiert, wir waren gut gelaunt, etwas angetrunken und sehr unachtsam in einem Close Richtung Marketstreet unterwegs. Die letzte Erinnerung die ich habe, ist etwas großes, dunkles, haariges mit einem Maul voller spitzer Zähne und ledrigen Schwingen. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Bett in der Krankenstation unserer Lodge. Finn war tot.

Seit jener Nacht bin ich wie betäubt. Ich fühle mich als hätte man mir einen Teil meiner Seele entfernt. Zuerst wollte ich einfach nur sterben, ich hatte sogar schon das Rasiermesser an die Pulsadern gesetzt. Marcus kam im rechten Moment, er hat mich vor mir selbst gerettet, mir klar gemacht, dass so nur wieder das Cabal gewinnt. Er motivierte mich zu kämpfen. Alles was mich jetzt antreibt ist Rache. Einzig der Wunsch dieses Monster zu finden und zu töten, hält mich am Leben.